Ungleichheit ist kein neues Thema der Mittelalterforschung. Bereits in der Sozialgeschichte der 1970er- bis 1990er-Jahre beschäftigten sich Arbeiten mit der Frage, wie soziale Unterschiede in der mittelalterlichen Gesellschaft entstanden. Sie untersuchten, wie sich der Adel als Gruppe formierte, welche Auswirkungen persönliche Unfreiheit auf die Unfreien hatte und welche Bedeutung Armut und Reichtum in der mittelalterlichen Gesellschaft spielten. Seit der kulturwissenschaftlichen Wende kamen Studien zur Bedeutung von Geschlecht und zum „Othering“ andersgläubiger Gruppen (d. h. ihrer Abwertung) hinzu. In den letzten Jahren wurden diese älteren Debatten mit neuem Leben gefüllt – möglicherweise auch aufgrund aktueller Bedürfnisse unserer Gesellschaft. Daneben wurde die neue Frage diskutiert, ob es Rassismus in der mittelalterlichen Gesellschaft gab. Im Mittelalter existierte noch keine Vorstellung von biologischen Rassen. In der Forschung ist dennoch umstritten, inwiefern wir Vorformen von Rassismus oder rassistisches Denken greifen können. Im Seminar werden wir die unterschiedlichen Ansätze diskutieren, Ungleichheit in der mittelalterlichen Gesellschaft zu beschreiben.
Ziel des Seminars ist es, die Bedeutung von Ungleichheit in ihren größeren gesellschaftlichen Zusammenhang herauszuarbeiten. Anhand des Themas sollen wichtige Methoden der mittelalterlichen Geschichte und Quelleninterpretation eingeübt werden. Die Studierenden vertiefen den Umgang mit verschiedenen mittelalterlichen Quellengattungen wie Geschichtsschreibung, Bildern und Rechtsquellen. Im Seminar werden nicht nur neue Erkenntnisse zur mittelalterlichen Ungleichheit vermittelt. Es bietet auch einen Einblick in die grundlegenden Bereiche der mittelalterlichen Geschichte: nämlich Wirtschaft, Kultur, Religion, Literatur, Recht und Politik.
Geraldine Heng, The invention of race in the European Middle Ages, Cambridge 2018.
Karl Ubl, Rasse und Rassismus im Mittelalter. Potential und Grenzen eines aktuellen Forschungsparadigmas, in: Historische Zeitschrift Bd. 316 (2023), S. 306-341.
Hausarbeit (siehe Prüfungsordnung), Prüfungsnebenleistung: Referat von 15 Minuten