In Europa etablierten sich um 1900 eine Reihe politischer Ideen, Praktiken und habitueller Muster, die als alternative Lebensentwürfe unter der Losung „Zurück zur Natur!” nicht selten in radikaler Opposition zu Urbanisierung und industrieller Moderne standen. Zur Sozialutopie dieses „Aufbruchs” der Jugend zählten Konzepte wie naturnahes Wohnen, alternativer Konsum, Freikörperkultur und freie Sexualität, Naturheilkunde, Reformpädagogik und gesunde Ernährung. Im Programm der „Lebensreform”-Bewegungen verschmolz so bereits am Ende des 19. Jahrhunderts der Wunsch nach neuen Formen individueller Lebensführung mit dem Anspruch einer umfassenden Gesellschaftsveränderung.
Das Seminar wird die Geschichte der verschiedenen, unter dem Dach der „Lebensreform” verhandelten Strömungen und ihrer zentralen Protagonisten untersuchen und dazu sowohl die abstrakten Ideen der Reformer als auch ihre praktischen Experimente exemplarisch vorstellen. Die einzelnen Phänomene werden – ausgehend von den Entwicklungen im deutschsprachigen Raum – stets in europäischer Perspektive vermessen und in ihren transnationalen Bezügen beschrieben. Zugleich will das Seminar aber auch diskutieren, wie sich die Auseinandersetzungen um politische, soziale und kulturelle Leitvorstellungen im Zuge des „langen” 20. Jahrhunderts wandelten. So werden einerseits die personellen und ideellen Verbindungslinien von der völkischen Bewegung der Jahrhundertwende bis in den Nationalsozialismus thematisch und andererseits die veränderte Rezeption der „Lebensreform” in den neuen Alternativbewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Schließlich mag der Blick in die Geschichte auch aktuelle Debatten um gesellschaftliche Kurswenden und alternative Daseinsmodelle zu Beginn des 21. Jahrhunderts erhellen.
Leistungsanforderungen gemäß Modulkatalog. Erwartet wird eine kurze Präsentation inklusive Thesenpapier. Abgeschlossen wird das Seminar durch eine 25-seitige Hausarbeit (Abgabe: 31.03.2026).