Es ist ein kaum zu tilgendes Vorurteil, dass Poesie eher von plötzlichen Stimmungen und flüchtigem Gefühl bestimmt ist und dabei gerne in Fiktionen, Träume und Phantasien flüchtet, während die Wirtschaft sich mit ihren konkreten Transaktionen immer auf dem festen Boden einer ‚Realität‘ und ‚Materialität‘ bewegt. Zwischen beiden Bereichen ergeben sich durchaus interessante Überschneidungen und Analogien: ‚erzählen‘ und ‚zahlen‘ hängen nicht nur phonetisch bzw. morphologisch zusammen. „Münze und Wort” (Harald Weinrich) sind über Mittelworte wie Repräsentanz, Wertsetzung oder Konvertierbarkeit in eine sehr interessante, sich gegenseitig erhellende Beziehung zu bringen. Man häuft auch „symbolisches Kapital” (Pierre Bourdieu) und investiert es im Blick auf Gewinnmaximierung. Auch hängen Ethik und Wirtschaft bekanntlich sehr eng zusammen, Glaubwürdigkeit (credo - ich glaube, Kredit) wird in beiden Bereichen durch Worte oder Sprachbilder erzeugt. Nicht zuletzt basieren ‚Schulden‘ und ‚Schuld‘ auf einer ganz eigenen semantischen Verbindung.
Als neuralgischer Punkt für die entsprechenden Entwicklungen der Moderne gilt die endgültige Aufhebung des kanonischen Zinsverbots im Jahre 1577. Martin Luther predigte umsonst gegen das Schuldenmachen und Zinsnehmen, wetterte in seinem Appell an den "Christlichen Adel deutscher Nation” noch gegen die Kaste der „Pfeffersäcke”, also gegen die Bankhäuser seiner Zeit, die Fugger und Welser. Aber Kreditmöglichkeiten gewähren dem freien Unternehmer nun wachsende Spielräume für Investition und Profit. Auch ‚Spekulation‘ darf hier als ein gemeinsamer Kernbegriff für Dichtung und Wirtschaft gelten, das lateinische Wort „speculari” steht für lauern, betrachten, beobachten bzw. etwas annehmen oder mutmaßen – das tun Schriftsteller wie Aktionäre gleichermaßen, wenn sie versuchen, sich ein möglichst stimmiges Bild von der Welt zu machen, um gesellschaftliche Entwicklungen, handelnde Personen und veränderliche Interessengemeinschaften mit ins Kalkül zu ziehen. Damit geht es auch in der Wirtschaft um Psyche, um Ängste und schwankende Stimmungen, die man kennen und analysieren muss, um Gewinne zu erzielen. Die Wirtschaft produziert ja ständig Texte, um menschliches Verhalten und damit Kapitalströme zu lenken. Die Poesie der Börsianer, der Marketingabteilungen oder der Immobilienmakler ist hinreichend bekannt. Gerne macht man hier ‚Anleihen‘ bei der suggestiven Sprachkunst, um etwa Käufer und Anleger im Umgang mit Vermögen und Kaufkraft zu steuern, ganz wie den Rezipienten eines emotionalen Gedichts oder eines agitatorischen Flugblatts. Stets gilt es Ängste zu wecken, Befürchtungen zu zerstreuen, Hoffnungen zu stiften und gewünschte Entscheidungen herbeizuführen. Joseph Vogl sieht hier eine vollständig ausgereifte „Poetik des ökonomischen Menschen”. Und das Geld selbst scheint derzeit zunehmend seine Materialität und Realität zu verlieren, der „Geldfluss” verkommt zur toten Metapher, so daß man bereits von der „Fiktionalisierung des Geldes” (Dieter Schnaas) spricht.
Die strikte Trennung von Poesie und Ökonomie scheint also bei genauer Betrachtung wenig sinnvoll. Beide täuschen professionell und in bester Absicht. Viel interessanter ist daher die Frage nach der Durchdringung der beiden Gedankenwelten und ihren wechselseitigen Tauschgeschäften. Geisteswissenschaftler wagen sich schon länger in die Gefilde der Finanzwirtschaft und untersuchen einen „mentalen Kapitalismus” oder eine „politische Ökonomie des Geistes” (Georg Franck). Und längst traten bekannte Dichter als universal gelehrte Denker im Diskursraum der Wirtschaft auf: Johann Wolfgang von Goethe sinnierte sachkundig und treffend über die Einführung des Bargeldes, das ja in der aktuellen Wirtschaft nun wieder abgeschafft werden soll. Umgekehrt nehmen die Banker auch Goethes Drama sehr ernst und kümmern sich als Leute der Wirtschaft um Literatur: 2025 schreibt Josef Ackermann, ehemaliger Chef der Deutschen Bank, einen Gastbeitrag über Goethes „Faust” in der „NZZ”. Der Ökonom Hans Christoph Binswanger, Ackermanns akademischer Lehrer, verfasste schon 1985 eine Abhandlung über „Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust.”
Das Seminar möchte nun vor diesem Hintergrund ausgewählte Texte zwischen 1800 und 2026 betrachten. Natürlich ist die narrative Abbildung von Geldgeschäften in der Literatur ein großes Feld, zahlreiche Falschmünzer, Hochstapler oder Spekulanten bevölkern neben den wenigen Mildtätigen die Texte seit der Frühen Neuzeit. Es geht zunächst aber einfach darum, Techniken und Methoden der Darstellung zu analysieren und mögliche Ansatzpunkte zu markieren, wo Wirtschaft und Literatur sich so nahe kommen, dass ein Dialog möglich scheint, eventuell sogar Kooperationen im Krisenmanagement der zahllosen „crashs”. Hier wäre vielleicht auch die „Marktfähigkeit der Geisteswissenschaften” (Insa Gülzow 2008) neu zu diskutieren.
Prüfungsversion 2011:2 LP (unbenotet): Essay mit Präsentation und einer Sitzungsmoderation3 LP/Modulprüfung: Hausarbeit (K) oder Prüfungsgespräch (P)Prüfungsversion 2014:2 LP (unbenotet): Essay mit Präsentation und einer Sitzungsmoderation2 LP/Modulprüfung: Hausarbeit/Variante B (K) oder Prüfungsgespräch/Variante A (P)Prüfungsversion 2020 (einschließlich Förderpädagogik Deutsch):3 LP (unbenotet): Essay mit Präsentation und einer Sitzungsmoderation und schriftliche Ausarbeitung (ca. 5. Seiten)6 LP: Essay mit Präsentation und einer Sitzungsmoderation und Ausarbeitung als Hausarbeit (ca. 12-15 Seiten)(LV)